Moldawien Teil 6: Internet-Diaspora

Seit meinem letzten Beitrag ist fast ein gesamter Monat vergangen. Es liegt an mehreren Dingen: 1. Habe ich inzwischen mehr zu tun, und 2. hatte ich den größten Teil der Zeit gar kein Internet.

Eingang zum Lager Mioriță

Aber kurz von vorne: Am Montag, an dem ich aus Ulanești zurückkam, bin ich direkt weitergefahren, nach Ivancea. Dort gibt es ein Nurdachhüttenlager, was noch zu Kommunistenzeiten erbaut wurde und immer noch als Staatsbetrieb geführt wird. Dort war ich also mit etwa 250 Kindern aus ganz Moldawien zusammen, die von Missionaren und Pastoren eingeladen wurden, dort hin zu kommen. Die meisten Familien haben kaum genug Geld um sich selber genug zu essen zu kaufen, darum war das Camp auch kostenlos. Ein Team aus der (rumänischsprachigen) Gemeinde “Isus Salvatorul” (deutsch: Jesus, der Retter) aus Renton, Washington State hat das Camp geleitet und auch die Kosten komplett übernommen. Allein die Miete für das Gelände hat schon 6.000$ betragen!

Nurdachhütten in Ivancea

Das Camp war für mich sehr unterschiedlich, ich habe wenig verstanden und die meisten Englisch-sprechenden Personen auf dem Gelände waren Mitarbeiter und damit eingespannt. So habe ich mich viel ausgeruht, gelesen und Rumänisch gelernt. Am dritten Tag habe ich dann aber Valeria kennen gelernt, ein 17-jähriges Mädel aus Chișinău, die sehr gut Englisch sprach. Da sie nicht wirkliche Mitarbeiterin und auch keine richtige Teilnehmerin war, habe ich mich immer wieder mit ihr unterhalten können. Auf dem Camp habe ich einige Probleme überwinden gelernt: Stechmücken, die das Klo bevölkern, defekte Klotüren, defekte Toilettenbeleuchtung, Wasser, das nach Sulfat riecht und schmeckt, …

Aber ich habe auch gutes Essen kennen gelernt, wie Mamaliga und andere Sachen, deren Namen ich beim besten Willen nicht mehr weiß 🙂 Auch erstaunlich war für mich, dass sich bei den Aufrufen am Mittwoch und Donnerstag Abend, insgesamt geschätzte 150-200 Jugendliche bekehrten. Wenn man bedenkt, dass von den anderen viele bereits Christen waren, und die meisten die nach vorne gingen das erste Mal überhaupt vom Glauben an den Gott der Bibel hörten, war das für mich erstaunlich. Solche Phänomene wünsche ich mir auch in Zukunft für Deutschland.

Baptistengemeinde Braivcea

Am Ende war diese Woche dann doch schnell vorbei und ich bin wieder nach Chișinău gefahren, doch der Aufenthalt hier beschränkte sich auf eine Nacht, dann ging es schon weiter nach Bravicea. Dort gibt es eine kleine Gemeinde, die das größte Haus im Ort besitzt und (fast) die einzigen Arbeitsplätze stellt. Erstmal war ich geschockt, wie das Gemeindehaus aussah, wie “prunkvoll” es ist, und habe ernste Zweifel gehegt, ob die Gemeinde nur sich selber Darstellen will, oder ob hier tatsächlich die Menschen im Blick sind. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass das Haus genau richtig ist: Es besitzt einen kleinen Saal, der für ca. 80 Personen bei uns eine Zulassung bekäme, der aber keine Bänke hat, sondern Stühle. In dem Saal finden regelmäßig Armenspeisungen und andere Veranstaltungen statt. Den größten Teil des Gebäudes nimmt die Küche ein, in der täglich für Senioren aus der Region, die nicht mehr für sich Sorgen können kostenlos! ein Essen gekocht  und geliefert wird. Auch bekommen einige Kinder täglich ein Mittagessen in der Gemeinde, weil ihre Eltern sich nicht um sie kümmern. Draußen auf dem Hof steht ein Sanitärhaus, darin befinden sich jeweils getrennte Toiletten und Duschen für Männer und Frauen. Die einzigen Duschen im ganzen Ort besitzt die Gemeinde, denn das öffentliche Badehaus hat nach dem Zerfall der Sowietunion und der Unabhängigkeit dichtgemacht, nach dem der private Käufer es ordentlich ausgeschlachtet hatte. Im Obergeschoss befinden sich noch zwei Räume, in denen Betten stehen. Dort haben wir auch geschlafen. Ein Zimmer für die Männer und ein Zimmer für die Frauen, ein 1m² großes WC. Was krass war, war dass die beiden Fremdenzimmer mit Klimaanlagen ausgestattet waren, die Gemeinde aus Bonn, die den Bau finanziert hat, hat sie gespendet, für wenn Besuche aus Deutschland kommen. Gleichzeitig mit mir kam dort ein Team aus Bonn, ein Team aus Dresden, ein Team aus Donrath und das Team aus Chișinău an. Wir haben uns am Anfang erstmal kennen lernen müssen, aber das ging schnell. Sonntag war dann ein gemeinsamer Gottesdienst auf Rumänsich und Russisch, da habe ich gemerkt, dass ich Rumänisch schon einiges verstehe.

Bewegungslieder kommen auch hier gut an

Ab Montag begann dann eine “Kinderfreizeit”, bei der die Kinder aber daheim schliefen. Das Programm war jeden Tag von 9.00 – 13.00 Uhr. Von Anfangs 180 Kindern, wuchs die Teilnehmerzahl auf 270 Kinder am letzten Tag an. Es war unglaublich heiß die ganzen Tage und, da die Kinder keine Waschmöglichkeiten haben, roch es im Saal meistens wirklich nicht sehr lecker. Wenn ein Kind den Saal verließ, weil es aufs Klo musste, war sein Platz sofort unsichtbar, weil die Kinder so eng saßen, dass jede Lücke sofort entweder gestopft wurde, oder von wo anders nachgerutscht. Anfangs wurde erst Frühsport gemacht, dann gesungen und eine Biblische Geschichte anhand eines kleinen Theaterstücks aufgeführt. Hernach wurden die Kinder in zwei Gruppen geteilt, die dann abwechselnd Sportspiele machten oder Bastelten. Unglaublich war, dass diese armen Kinder, so viel Fröhlichkeit ausstrahlen konnten

Die Frage, wie Gemeinde in so einer Situation einem frisch bekehrten keine materiellen Vorteile bringt, und zugleich die Lebenssituation der Menschen verbessert, bleibt jedoch.

Vor dem Haus der Familie

Bei einem Hausbesuch bei einer Familie, von der den Mitarbeitern zugetragen wurde, dass sie unter sehr schlimmen Verhältnissen leben, war ich dabei. Die 3 Kinder wohnen zusammen mit ihrer Mutter und den Großeltern in einem einstöckigen 2-Zimmer Haus mit einer Gesamtgrundfläche von ca. 20m². Der Vater der beiden älteren ist verstorben, der Vater des jüngsten ist abgehauen, der Großvater ist Alkoholiker und die Mutter trinkt auch zu viel. Die Großmutter geht gelegentlich als Tagelöhnerin arbeiten, um ihre lieben durch zu füttern. Zum Glück geben die Nachbarn den Kindern auch immer wieder etwas zu essen ab. Am nächsten Tag waren die Kinder auch bei der Freizeit dabei, zu der wir sie eingeladen haben. Wie verändert die Kinder dort waren! Fröhlich und ausgelassen. So habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dass den Kindern Liebe und Zuneigung gegeben wird!

Das Haus gegenüber vom Rutschturm
Rutschturm in Schinoasa

In einem Roma-Dorf “Schinoasa” in der Nähe, aus der auch viele Kinder zu der Freizeit kamen, haben wir die Woche über nachmittags immer wieder “gebaut”. Auf einem Grundstück gruben wir mit Erdbohrern Löcher um ein Fundament zu setzen, evelierten den Boden. In der zweiten Woche entstand dann hier ein kleiner Spielplatz. Das Dorf, mit ca. 300-400 Einwohnern, hat mehr als 150 Kinder. Jetzt gibt es zwei Rutschen für sie, und weil das so etwas besonderes für sie ist, gibt es Streit. Der Baron (Dorfälteste) hat also angeordnet, die Rutschen abzumontieren und nur wieder anzuschrauben, wenn jemand Aufsicht führt. Was löst bei Deutschen Kindern eine Rutsche aus, außer einem lauten gähnen??

In der besagten zweiten Woche kam auch noch die Gruppe Kowtscheg aus der Ukraine. Gemeinsam mit einigen Deutschen und Moldawiern wurden Evangelisations-Gottesdienste in verschiedenen Orten durchgeführt. Die Reaktion war sehr unterschiedlich. An einem Ort entschieden sich mehr als 20 Leute, ein Leben mit Jesus führen zu wollen, an anderen Orten kamen kaum Personen. Und im Endeffekt war es eine sehr gelungene Woche!

Die MallDova, zweitgrößtes Einkaufszentrum in Chisinau

Am letzten Freitag waren wir dann nochmal mit allen Deutschen in Chișinău und haben Touri gespielt, wie schon eine Woche vorher. Da sich das Team aber in der Zusammensetzung geändert hat, kam der Wunsch wieder. Wie schon die Woche zuvor, habe ich mich nach der langen Zeit auf dem Land in der Stadt überhaupt nicht wohlfühlen können! Es schien alles so oberflächlich, äußerlich und künstlich. Und bei den Preisen in den Geschäften, wo ein T-Shirt mehr kostet, als eine Familie im Jahr für Lebensmittel zur Verfügung hat, könnte ich mit einem reinen Gewissen nicht einkaufen!

Jetzt bin ich seit Samstag wieder “normal” in der Stadt, habe den größten Kulturschock hinter mir gelassen, und arbeite wieder im Büro. Nebenbei schreibe ich Wikipedia-Artikel über die Orte, in denen wir die letzte Woche waren, und habe bis Freitag auch regelmäig mit Sarah skypen können. Das tat mir sehr gut.

Morgen wird sich alles wieder ändern, wenn ein weiteres Team aus Deutschland kommt, mit denen wir eine Kinderfreizeit gestalten werden und Gefängnisbesuche machen. Zudem ist Sarah seit Freitag auf Tour und wir können nur noch  wenig Kontakt halten, das ist nicht einfach! Seit 4 Tagen habe ich den Auftrag die Morgen-Andachten bis zum Ende meines Aufenthaltes hier zu gestalten, bisher macht mir das viel Spaß, trotz anfänglicher Zweifel, da ich die Andachten hier bisher noch nie wirklich verstanden habe, also gar nicht wusste, was von mir erwartet wird.

Morgen hab ich auch Geburtstag und bin mal gespannt, ob ich es irgendwie feiern kann, zuerst wollte ich abends in kleiner Runde feiern, aber jetzt kommen da ja die neuen Gäste, also klappt das auch nicht. Mal sehen.

Viele Grüße aus Moldawien und danke an alle, die für mich und meine Zeit beten und an mich denken.

Patrick

P.S. Lasst eure Kommentare gerne wieder hier drunter ab 🙂