Moldawien Teil 5: Landluft

Karte von Ştefan Vodă (Quelle: Wikipedia)

Seit vorgestern bin ich mit einer Mitarbeiterin ja, wie ich bereits geschrieben habe, auf dem Land unterwegs. Wir haben im Bezirk “Stefan Voda” im Osten des Landes ca. 10 Familien besucht, die ein oder mehrere Kinder haben, die im Sponsoringprogramm von Hoffnungsträger Ost sind.

Der Bezirk ist der östlichste Bezirk des Landes (abgesehen von Transnistrien, was de-facto ein eigenständiger Staat ist) und grenzt direkt an die Ukraine. Wo ich gerade bin, kann ich schon in die Ukraine schauen, denn der Grezfluss fließt hier nur wenige Meter von dem Haus in dem ich mich aufhalte.

Die Fahrt von Chişinău hat fast 3 Stunden gedauert, obwohl die Strecke gerade einmal 110km lang ist. Der Bus war ein altes Sowiet-Modell, an der Frontblende stand noch irgendwas von wegen Gepäck auf Russisch. Da wir zu spät zum Busbahnhof kamen, sind wir in den Bus eingestiegen, als er eigentlich schon unterwegs war, zum Glück fuhr er in die Richtung, aus der wir kamen 😀

Der Sowietische Bus innen

Der Bus war, anders als der Bus aus Deutschland, nicht klimatisiert, aber dafür waren die die Fenster zweigeteilt und der (kleinere) obere Teil konnte geöffnet werden. Im Bus selber roch es ein wenig nach Staub und Schweiß, aber lange nicht so schlimm, wie ich es erwartet habe und auch nicht so schlimm, wie ich es aus China gewohnt bin.

Mit Liuda im Bus

Während der Fahrt habe ich Rumänisch geübt und Liudmila, oder kurz Liuda, hat mir geholfen meine Aussprache zu perfektionieren. Weit über floskeln geht es noch nicht hinaus, aber es fühlt sich gut an, in einem Gespräch am Esstisch zumindest ein paar Worte zu verstehen.

Das Dorf, in das wir zuerst gegangen sind heißt Antoneşti. Bei Familie Midrigan haben wir unseren ersten Aufenthalt. Die Familie hat (nur) 2 Kinder, Ioan (16) und Olga (13 oder 14). Ihr Hof besteht aus 2 Gebäuden, einem mit dem Schlafräumen und der Winterküche, und einem mit der Sommerküche und einem “Gästezimmer”, was aber nicht benutzt wurde. Die Aufteilung in Sommer und Winterküche kommt daher, dass man im Sommer (wo man ja nicht heizen muss) weiter weg von den Stuben kochen kann, damit die nicht so schnell anfangen zu stinken. Geheizt kann nur die Winterküche, das Elternschlafzimmer und das Zimmer des Jungen werden. Alle anderen Räume bleiben kalt!

Auf dem Hof haben sie etwas Gemüse und Obst und eine ganze Menge Tiere. Ziemlich viele Enten, ich schätze mal so 30 Ausgewachsene, und 40-50 Küken bzw. Jungenten(oder wie man das nennt). Dazu noch 2 Hunde, 3 Katzen, 3 Schweine, 20 Hühner und etwa 30 Hühner, die anders aussehen als unsere Hühner. Dort auf dem Land leben die Leute noch von der kleinen Landwirtschaft, man baut in erster Linie für sich an und verkauft was übrig ist dann auf dem Markt. Das reiht leider oft nicht, um die Kosten für den Schulbesuch (Hefte, Stifte, Kleidung, evtl. Bus) oder auch Heizung und Strom zu bezahlen. Daher gibt es auch das Sponsoringprogramm. Die Leute leben recht einfach und sind zufrieden. Mich hat beeindruckt, wie lebenslustig sie waren und mir hat auch gefallen, dass die ganze Familie den Tag über zusammen ist (wenn Ferien sind und die Kinder nicht in die Schule gehen). So kam der Vater oft zwischendurch rein und hat nochmal einen Happen gegessen und mit den Kindern gespaßt. Der war sowieso ein Spaßvogel!

Moldawische Tafel

Die Gastfreundschaft, für die die Menschen im Osten bekannt sind, habe ich hier so richtig zu spüren bekommen. Nach der Ankunft wurde der Tisch gedeckt, und obwohl es 4 Uhr nachmittag war, wurde so richtig gegessen. Das Essen war lecker, es gab sogar eine besonderes Essen, Hochzeits-Plăcintă (Deutsch: Pfannkuchen). Die schmecken genauso, wie normale Plăcintă, machen aber mehr Arbeit. Es war also eine besondere Ehre, diese besonderen Pfannkuchen zu essen. Pfannkuchen sind hier übrigens mit Käse gefüllt, der ein kleines bisschen säuerlich schmeckt, und man isst es entweder einfach so, oder am besten mit Honig. Das fand ich am Anfang auch komisch, aber schmecken tut es echt super!

Nach dem Essen sind wir zu einem See baden gegangen, als ich dort war habe ich gemerkt, dass die anderen sich dort “waschen”, was daran liegen könnte, das sie kein fließendes Wasser und auch kein Badezimmer zuhause haben. Es gibt nur einen Brunnen und ein Plumpsklo.

Plumsklo

Im See waren noch ein paar Jungs, vielleicht 8 oder 9 Jahre alt, die sind dann später mit dem Moped weggefahren. Das fand ich echt krass, aber habe ich später noch öfter gesehen.

Vier 9-jährige auf einem Moped

Nach dem Baden sind wir bald losgezogen und haben die Familien besucht, die im Sponsoringprogramm sind und im Ort wohnen. 6 Familien haben wir an dem Abend noch abgeklappert, die größte hatte 7 Kinder, die kleinste nur 1 Kind, war aber dafür alleinerziehen, was in diesem Land nicht nur ein finanzielles Problem, sondern auch eine kulturelle Schande ist.

Im Dorf steht eine riesige Baptistengemeinde, die das größte Haus im Ort ist. Alle, die im Sponsoringprogramm sind, gehen in die Gemeinde vor Ort. Ob das eine Voraussetzung ist oder so, habe ich nicht herausfinden können.

Baptistengemeinde

Der Junge (Ioan) räumte für die Zeit sein Zimmer für mich, obwohl in dem breiten Bett locker 2 Personen hätten schlafen können, aber die Häuser sind alle so ausgestattet, dass jedes, ja wirklich jedes Sofa ausgeklappt werden kann um darauf zu schlafen.

Am nächsten morgen sind wir dann gleich weitergezogen und haben Familien besucht, die nicht im Dorf wohnen. Dazu hat uns der Vater der Gastfamilie mit dem Auto gefahren. Er hat einen ca. 20 Jahre alten Ford mit einem Riss in der Scheibe, aber sonst fährt er noch gut 🙂 Leider gibt es im gesamten Ort keine einzige geteerte oder gepflasterte Straße, so kommt man recht langsam voran. So haben wir an diesem Tag nur 5 Familien besucht, was aber auch daran lag, dass wir in einer Familie zum Mittagessen eingeladen wurden. Das war die “traditionellste” Familie, in der ich bisher war, die Kinder hatten alle ihre Sonntagskleider für die Besucher angezogen, und während dem Essen waren die Kinder nicht dabei und die Frau kam auch erst recht spät dazu, denn sie war in der Küche. Das ganze hat vermutlich nicht nur einen kulturellen, sondern auch einen ganz praktischen Aspekt: Der größte Tisch im Haus ist eigentlich für 4 Personen. Wir haben daran mit 6 Personen gegessen, wenn jetzt noch die 4 Kinder dabei gewesen wären, wäre das eine logistische Unmöglichkeit geworden.

Das nächste Essen!

Die Familie hat mir dann noch eine Flasche mit Honig geschenkt, den sie selber gemacht haben. Ich schäme mich, wenn ich hier bin schon für die quasi nicht vorhandene Gastfreundschaft in Deutschland. Wir haben so viel und geben doch nichts ab (oder nicht viel)…

Am Abend habe ich dann mal wieder die Möglichkeit gehabt, länger mit Sarah zu skypen (jede Familie hat hier DSL-Internet und einen Computer!), das hat gut getan. Es tut mir sehr gut, mich mit ihr auszutauschen und mit ihr zusammen zu beten, so muss ich persönliche Sachen jetzt nicht für die gesamte Zeit in mich hineinfressen!

Heute morgen (also Samstag) haben wir alle lange geschlafen, das war lustig, ich habe mit niemandem gestern drueber gesprochen und als ich dann um 9 Uhr aufstand, war noch alles am schlafen. Dann bin ich eben auch wieder ins Bett. Um 11 Uhr sind dann alle aus Ihren Löchern gekrochen gekommen und wir haben sozusagen gebruncht. Es gab wieder Placinta, dazu Kartoffeln mit Hünchen – das was es hier eigentlich immer gab. Und zum ersten Mal habe ich um einen Kaffee gebeten und auch einen (zwar Instant) bekommen. Das hat irgendwie gut getan.

Das Auto mit den Kindern hinten drin.

Um 1 Uhr sind wir dann vom Haus der Familie zum Supermarkt im Dorf gegangen, weil es geregnet hat konnte uns der Vater nicht fahren – die Straße ist dann zu matschig. Aber vor dem Supermarkt ist die Straße aus kleinen Steinen, und so hat uns dann ein Mann denn Liuda kennt ins nächste Dorf gefahren, das heißt Ulaneşti. Mit seinem 20 Jahre alten Ford, dessen Scheibe auch einen Sprung hat und an dem das Zündschloss mit einem Schraubenzieher betätigt wird. Auf der Rückbank hatte er 3 seiner Kinder dabei, einer saß im Kofferaum um ihn zu öffnen, denn das Schloß funktioniert von außen auch nicht mehr.

Hier in Ulaneşti  sind wir jetzt beim Bruder von Liuda. Ihre Nichte hat heute Graduation von der High School im Ort. Da sie auch eine Dusche haben, habe ich sie gleich mal benutzt und gleich geht es los – in die Schule. Ich bin mal gespannt, wie so etwas hier abläuft. Morgen fahren wir vermutlich schon wieder zurück nach Chişinau, aber wie eigentlich alles hier, ist das auch nicht sicher.

Bis demnächst!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *